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Ein Land geteilt durch seine erste Fremdsprache

Heute feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Ein Tag, an dem wir zurückblicken auf die Zeit, in der wir noch 2 Länder waren, ein Tag, an dem wir oft (n)ostalgisch werden. Mittlerweile ist ein großer Teil der heutigen Bevölkerung der BRD ohnehin nach 1989 geboren – denen ist das dann oft „egal“. Sie kennen keine DDR, zu ihrer Geburt war man schon „vereinigt“. Doch auch fast 30 Jahre später sind wir noch lange nicht gleich.

Was aber tatsächlich mit dem Zusammengehen der beiden Staaten ausnahmslos angeglichen wurde, war die Vereinheitlichung des Schulsystems. Für die „neuen“ deutschen Bundesländer hieß dies die Abschaffung des bestehenden Curriculums sowie der bestehenden Schulformen, andere Lern- und Lehrinhalte, aber vor allem die Abschaffung von Russisch als erste Fremdsprache.

In Westdeutschland wurde und wird seit dem zweiten Weltkrieg Englisch als erste Fremdsprache an Schulen unterrichtet, an manchen Schulen noch Latein oder Französisch – in der ehemaligen DDR war selbstverständlich Russisch DIE erste Fremdsprache. Ab dem Schuljahr 1949/50 wurde Russisch ab der 5. Klasse unterrichtet. In der Universität war die Erlernung der Sprache ebenfalls Pflicht. Eine besondere Förderung erfolgte dann im Schuljahr 1952/53 mit der Einrichtung der polytechnischen Oberschulen (1. bis 10. Klasse) mit ‚erweitertem‘ Russischunterricht. Ein kleiner Teil von Schülern erhielt hier bereits ab dem 3. Schuljahr einen besseren Zugang zu dieser Sprache.

Leider blieb die intensivere Förderung, insbesondere den aktiven Sprachgebrauch betreffend, weitestgehend erfolglos. Nicht jeder geförderte Schüler sprach so exzellent Russisch wie unsere heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Begründungen für die geringe Nutzung der Sprache sind vielschichtig. Zum einen liegt der Sprache – aus Sicht eines deutschen Muttersprachlers – eine gewisse Komplexität zugrunde: Das kyrillische Alphabet muss gelernt werden, sowie die zwar logischen, aber vielen umfangreichen Regeln. Zum anderen war Russisch die Sprache der Besatzer – dies führte zu einer gewissen Ablehnung gegenüber allem russischen, eben auch gegenüber der Sprache selbst. Grundsätzlich galt diese Ablehnung in allen Staaten des Warschauer Paktes. Letztlich wurde im Unterricht wenig aktiv gesprochen, die Literatur, die eventuell ein Türöffner gewesen wäre, um eine Faszination für die Sprache zu erzeugen, wurde weitestgehend nicht behandelt. Das Russische erhielt keinen Einzug in den Alltag und hatte somit auch auf die Verwendung der eigenen deutschen Muttersprache kaum Einfluss.

In derselben Zeit in Westdeutschland, wo weitestgehend Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet wurde, zeigte sich ein gänzlich anderes Bild. In den letzten Jahrzehnten haben wir eine immer stärker voranschreitende Etablierung der englischen Sprache in fast allen Lebensbereichen beobachten können. Weite Teile der Bevölkerung können sich mindestens rudimentär auf Englisch verständlich machen – die Generation nach 1989 hat meist keinerlei Probleme mehr, sich die Sprache zu erschließen. Und im Alltag – urteilen sie selbst, aber jedermann sollte mitbekommen haben, dass der Einfluss auf unseren heutigen Sprachgebrauch irreversibel ist!

By |2018-10-02T14:20:41+00:00Oktober 3rd, 2018|Ankündigungen|